Im Gespräch: Marten Ebsen von Turbostaat

Am 30.9. hatten wir die Gelegenheit Marten Ebsen, seines Zeichens Gitarrist von Turbostaat auf ihrer Stadt der Angst Tour in Nürnberg vors Micro zu bekommen und haben uns mit ihm über die Musikindustrie, Silvester und natürlich Turbostaat unterhalten.

 

15 Jahre Turbostaat – was hat sich verändert, was ist geblieben?
Was sich verändert hat… du stellst Fragen! Eine ganze Masse hat sich geändert, die Zeiten haben sich geändert, wir sind alle 15 Jahre älter, die Privatsituationen haben sich bei uns allen geändert wir sind ganz andere Leute, so vieles hat sich geändert! Was geblieben ist ist, dass wir die selben 5 Leute geblieben sind und, dass wir das so machen wie bisher.

Ende des Jahres geht ihr deswegen ja auf Tour, was gibt es dazu denn zu sagen?
Wir spielen uns quasi einmal durchs gesamte Werk durch, wir spielen alle Platten die wir aufgenommen haben an zwei Abenden durch. Wir machen das in ganz Deutschland und versuchen das quasi strategisch zu verteilen, Bayern ist sogar auch dabei, das ist es im groben und ganzen. Wir wussten lange nicht ob und wie wir das feiern sollen und das ist daraus geworden.

Ihr habt ja auch was euere Labels angeht eine interessante Geschichte, euere ersten beiden LPs erschienen auf Schiffen, die beiden danach auf Warner und Stadt der Angst auf Clouds Hill, wieso habt ihr wieder auf ein Indie gewechselt?
Wir hatten bei der Warner nen Vertrag über 2 Platten und dann gab es eben keinen neuen Vertrag.

Über Majorlabels lässt sich ja auch streiten, die einen behaupten es gäbe bessere Möglichkeiten, andere wieder fühlen sich zu eingeschränkt.
Das hat alles so seine Vor- und Nachteile. Ob man da richtig eingeschränkt wird kann ich jetzt nicht so genau sagen aber es ist halt eine klar kommerzielle Ausrichtung da. Aber andererseits können die das halt auch so wie sie es machen, da wird nichts verschlampt oder so. Für uns war das auf jeden Fall ne gute Erfahrung. Wir haben den Vertrag erfüllt und der wurde dann halt nicht verlängert. Die haben sich halt auch erhofft, dass wir ne riesen band werden aber dazu taugen wir wahrscheinlich gar nichts, dazu sind wir dann doch zu verquer und so sind wir dann bei Clouds Hill gelandet.

Wie sieht es mit euerer Sicht auf die Musikindustrie allgemein aus? Besonders überrascht hat mich eine Aussage aus einem Interview mit dir mit Bezug auf Freiwild.
Naja die Leute wollen halt Geld verdienen und häufig sind das auch junge Leute, die genauso gut auch Gartenstühle verkaufen könnten, was sie wahrscheinlich genauso gut machen könnten und jetzt verkaufen sie halt Kultuprodukte. Wenn alles Ware ist und die Leute möglichst viel Geld verdienen wollen, dann greifen solche Mechanismen, das kennst du ja sicher auch aus anderen Bereichen wie der Filmindustrie oder auch der Klappstuhlindustrie. Es gibt wenige Grenzen für diese Leute und je erfolgreicher sowas wird umso mehr Bestätigung kriegt das auch. Wenn jetzt rechte Themen guten Anklang finden dann juckt das auch den Kaufleuten in den Fingern, das ist was ich beobachtet habe.

Umso cooler ist es, dass ihr momentan auch für Pro Asyl sammelt.
Wir haben vorher auch schon für andere Sachen gesammelt, jetzt ist es Pro Asyl nachdem sich dieses Thema wieder in unser Bewusstsein begeben. Ich wohne in Berlin da passiert das direkt vor der Haustür, Tobi wohnt in Hamburg, da ist es ähnlich. Das ist einfach ein Skandal was mit den Flüchtlingen passiert und da finde ich ist Pro Asyl eine gute Adresse, die seit Jahrzehnten gute Arbeit macht.

Ihr seid ja nicht nur für kryptische Texte sondern auch für fast schon absurd wirkende Songnamen wie Ja, Roducheln bekannt. Wie kommt ihr dazu und wieso verstehe ich die nicht?
Das mit den Songtexten hab ich jetzt schon so oft erzählt! Ich schreibe immer Texte und die haben keinen Titel, das hab ich immer für die gesamte Band aufgespart, dann kriegen die Lieder halt Namen und diese Namen gehen von Wortspielen damit irgendwelche Takte klar sind bis zu irgendwelchen Insidergags. Aber das sind ja auch nur Namen, man hätte die ja genauso auch Horst, Mandy oder Robert nennen können. Manche Texte haben Namen aber das merkt man dann auch, die sind dann auch klar gewählt.

Deutschland muss sterben damit wir lieben können.
Ja….

Jan, war ja auch auf der aktuellen Love A Platte zu hören, Peter, war ja auch öfter mit Love A Shirt zu sehen. Was habt ihr für ein Verhältnis zu den Jungs?
Das sind Freunde von uns, teilweise kannten wir sie schon vorher, teilweise haben wir sie erst durch Love A kennengelernt, wir haben ein Paar mal mit ihnen zusammengespielt die sind super, auch super Typen.

Wie viel DIY steckt in Turbostaat?
Schon relativ viel. Es gibt Sachen, wie das Booking, die wir abgegeben haben weil das einfach zu umfangreich ist, da wären wir ganzjährig beschäftigt und hätten keine Zeit mehr Musik zu machen. Unser Booker macht zusätzlich auch relativ viel für uns an Orga, wir machen aber auch sehr viel selbst. Das ist schon ne schwierige Frage, wir waren nie so ne komplette DIY, die Bands in denen ich vorher gespielt hab waren auch oft komplett DIY. Wir hatten ein Management dass viele geschäftliche Dinge für uns gemacht hat aber das machen wir wieder selbst weil die Notwendigkeit nicht da war, wir können uns die Schuhe ja auch selbst binden.

Wie sieht es bei euch eigentlich mit Konzepten aus? Euer Bühnenbild wirkt ja relativ durchdacht und auch durch euere Platten scheint sich ein roter Faden zu ziehen.
Ich glaube das Prinzip von einem Konzept taugt nicht wirklich für Turbostaat, ich finde es selbst interessant und es passiert durchaus, dass ich daran arbeite aber das zerfasert bei mir immer ganz schnell. Das wir wirklich ein Konzept haben und das umsetzen, das gibt’s nicht, wir haben zwar Anflüge davon aber am Ende sind wir dafür doch zu realistisch. Unser Bühnenbild ist eigentlich kein wirkliches Bild, das hat sich Jahrelang entwickelt und ist auch so Work And Progress. Und Textlich… Das ist immer nur Phasenweise, dass dann Ideen für 2-3 Lieder greifen. Ich stell mir auch öfter so Konzepte vor nach dem Motto „Das würde ich gerne mal machen, eine Band die nur das macht“ und dann schreibe ich da ein Lied und das wars.

Du machst ja mit NinaMarie auch ein Projekt mit Thomas von den Beatsteaks. Magst du ein bisschen davon erzählen?
Ich habe Thomas vor 10 Jahren kennengelernt und ich erzählte ihm, dass ich Silvester ziemlich scheiße finde und da immer sehr Planlos bin, Thomas meinte dann, dass er an Silvester immer in den Proberaum geht und hat mich dann gefragt ob ich nicht mitkommen will. Ich dachte mir dann, dass das gut klingt, Musik mach ich gerne und so muss ich mich nicht mit diesen ganzen feierwütigen Idioten draußen rumschlagen, das finde ich gut. Das haben wir dann gemacht und das aufgenommen, irgendwann kam das dann auf der Warner raus weil wir beide bei ihnen unter Vertrag waren. Mittlerweile kommt das bei Rookie Records raus, ab und zu treffen wir uns halt Silvester, machen Musik und bringen ne Platte raus, das ist halt unser Hobby. Wie andere Leute sich zum Kartenspielen treffen machen wir Musik, nehmen das auf und bringen dann ne kleine Platte raus, sind ja immer nur Singles oder 12“.

Normalerweise ist das ja eine verhasste und zugegebenermaßen recht doofe Frage aber bei euch hat mich das wirklich interessiert, könnt ihr eigentlich von Turbostaat leben?
Ja, es kommt halt auf das Leben das du führst an. Das Leben deiner oder meiner Eltern werd ich finanziell betrachtet nicht führen, das ist auch alles ein bisschen auf Kante genäht, man hat dann auch nicht immer Geld für alles aber das hat man sich dann ja so ausgesucht.

Ihr wart ja immer wieder sogar auf MTV zu sehen, wie war das für euch?
Ich hab’s nur einmal durch Zufall gesehen und ich fand es befremdlich. Das ist wie wenn in der Kneipe die eigene Musik läuft, das ist ein bisschen befremdlich, da geniert man sich ein bisschen. Ich hab da auch nicht so den Bezug zu, also dieses Geraffel was manche Leute sagen, „ich hab früher immer MTV geschaut und mir vorgestellt einmal bei MTV gespielt zu werden“, das hab ich halt nicht, ich find so ne Schnacks halt nicht und find das auch ein bisschen gekünstelt und übertrieben. Natürlich hab ich als jugendlicher auch noch Musikfernsehen geschaut und fand das super. Ich hatte halt nicht das Verhältnis zu diesem Startum, es gab durchaus Sachen die mir gefallen und die ich toll fand aber das ich jetzt so ein riesen Fan war und die Leute unbedingt nochmal sehen wollte hatte ich nicht. Wie die Sachen machen wie man dann da ist, wir haben ja auch mal auf nem Festival von MTV gespielt, da wurden wir dann anmoderiert und interviewt und das ist dann doch befremdlich.

In Stadt der Angst ist ja auch Gentrifizierung ein Thema. Inwieweit seid ihr davon selbst betroffen?
So richtig betroffen, wenn man mal ganz ehrlich ist, sind wir nicht, also meine Wohnung wurde mir noch nicht gekündigt weil da jemand reicheres rein wollte aber in der Nachbarschaft ist das durchaus passiert, man beobachtet das auch. In Berlin ist das halt auch ein großes Thema weil da auch eine gewisse kritische Masse wohnt, die das nicht einfach so hinnimmt. Da merkst du dann auch, dass das auch verschiedene Dimensionen hat, nicht nur die bösen Reichen und die armen Leute die verdrängt werden, da sind ganz viele Sachen, die da passieren. Also die schreiende Ungerechtigkeit ist nicht nur die Gentrifizierung sondern das Prinzip nachdem diese Erde funktioniert. Im Kapitalismus wird sich das nicht ändern, das sind ganz normale Mechanismen die da greifen, wenn jemand mit mehr Geld deine Wohnung will kann er die haben, das System basiert darauf. In Orten wie Berlin ist das ganz drastisch zu spüren weil da alle gerne wohnen wollen aber in anderen eben nicht so.

Bier & Zigaretten
Ich hab seit dem ich 12 bin geraucht und mit 35 aufgehört, mit dem Bier hab ich nicht aufgehört, das trink ich immer noch ganz gerne.

Was ist euch eigentlich lieber, große Festivals oder kleine Clubshows?
Kleinere Clubshows, da ist man viel näher an den Leuten dran, das macht viel mehr Spaß. Festivals machen auch Spaß aber wenn du so fragst, das macht halt nen kleinen Tick mehr Spaß.

Wie würdet ihr selbst euren Sound und eure Einflüsse beschreiben?
Den Sound beschreiben kann ich nicht, dazu bin ich zu wenig Musikjournalist. Einflüsse sind ganz viele so Hamburger Punkbands, also Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Slime, Torpedo Moskau, diese ganzen Sachen. Dann aber auch viel amerikanischen Hardcore und später auch viele so Indie- und Wave Sachen. Das ist eigentlich ein riesen Kuddelmuddel aus guter Musik die uns beeinflusst.

Was läuft denn bei euch im Tourbus?
Gar nichts! Wir reisen mit so einem Schlafbus, also werden wir jetzt dann abbauen, den Kram einräumen und gehen schlafen und wir fahren dann woanders hin. Und was bei mir privat läuft… Ich hab gerade relativ oft die letzte Kate Bush Platte gehört, Esbjorn Svensson Trio hab ich relativ viel gehört, Frank Black immer. Unser Mercher hört auch immer ganz laut Musik und bei ihm läuft momentan ganz viel Gang Green.

 



Dieser Beitrag wurde am von Lukas veröffentlicht • Kategorie: Interviews • Tags:






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