Gareth Jones: Die menschliche Seite der Plattenproduktion

Gareth Jones

Jüngst lief im deutschen Fernsehen eine Art Castingshow, The Voice of Germany, wobei es darum ging, unbekannte Sänger zu entdecken und zu fördern. Einer der Coaches war Nena. Mir fiel auf, wie jung sie aussieht, und dass sie eine sehr positive Person ist, die oft davon spricht, zu den Leuten, mit denen sie arbeitet, eine Art spirituelle Verbindung zu haben. Du hast 1989 mit ihr an der LP „Wunder geschehen“ gearbeitet, was mich zu der Frage verleitet, ob ihr auch so eine spirituelle Verbindung hattet?

„Sie ist eine wundervolle Person. In den Vorbesprechungen, von denen wir vorhin sprachen – man kann sagen, dass es dabei um eine Art von spiritueller Verbindung geht. Nena ist wirklich eine wundervolle Person, voller Licht und positiver Energie. Es war eine Freude und ein Privileg, mit ihr zusammen zu sein. Es ist allerdings schon lange her, dass ich mit ihr gearbeitet habe. Ich kann mich nicht so recht daran erinnern, ob sie davon gesprochen hat, eine spirituelle Person zu sein. Vielleicht wurde sie im Laufe der Jahre eine noch spirituellere Person. Ich erinnere mich aber, dass sie super-positiv war, sehr energiegeladen.“

Was bedeutet denn Spiritualität im Allgemeinen für dich?

„Ich denke, Spiritualität ist, zu verstehen, dass wir sehr klein sind und dass es im Leben etwas Größeres und Beständigeres gibt als uns, dass wir sterben werden, wir als Rasse, wir alle werden irgendwann sterben. Spiritualität ist auch, den eigenen Platz in diesem großen Ganzen zu finden. Jeder hat natürlich eine andere Vorstellung davon. In meinem Verständnis von meinem Platz in dem großen Ganzen geht es vor allem darum, wie geordnet ich bin. Als ich jünger war, hielt ich mich für ziemlich wichtig. Heute weiß ich, dass ich überhaupt nicht wichtig bin. Das ist für mich okay. Meine Beziehungen sind wichtig für mich, die Verbindungen zu den Leuten um mich herum. Auch Liebe und Frieden spielen eine große Rolle. Kennst du die Quäker?“

Ja.

„Das ist eine Bewegung ohne Dogma und Priester. An Sonntagen gehe ich oft zu Quäkertreffen. Manchmal sitzen wir da einfach eine Stunde lang in totaler Stille, was eine wundervolle Erfahrung ist. Ich meditiere auch, manchmal über Monate hinweg jeden Tag und manchmal ein Jahr lang überhaupt nicht. Spiritualität hat für mich sehr viel mit Stille zu tun, mit Demut.“

Du bist auch dafür bekannt, ein Kulturliebhaber zu sein – Filme, Bücher, Kunst, alle Arten von Musik … Wie wichtig ist es für dich, Zeit für diese Dinge zu haben? Wie sehr beeinflusst es deine Arbeit?

„Das ist sehr, sehr wichtig. Ich habe mit der Zeit erst verstanden, wie wichtig das ist. Als ich angefangen habe, habe ich die meiste Zeit im Studio verbracht, was auch durchaus notwendig war, denn man braucht Tausende von Stunden, um sich und seine Fähigkeiten zu entwickeln. Aber ich habe schon als Kind die unterschiedlichsten Arten von Musik geliebt, viel gelesen usw. Und es ist sehr wichtig für mich, offen zu sein für großartige Dinge, verschiedene Künste und Medien. Es ist gut für mein Leben, es ist gut für meine Spiritualität (lacht) und es ist gut für meine Arbeit, weil es mich inspiriert, zu sehen und zu hören, was andere Leute erschaffen. Auch wenn es auf einem ganz anderen Gebiet stattfindet. So bin ich zum Beispiel vor etwa drei Monaten in eine wundervolle Aquarell-Ausstellung gegangen. Einige dieser Wasserfarben sind so … das ist einfach unglaublich. Es ist atemberaubend, wie fokussiert, wundervoll und präzise diese Leute arbeiten.“

Es gibt ja auch die These, dass sich Musik in Farben ausdrückt.

„Oh ja. Das ist wirklich großartig. Die meisten meiner Freunde, Künstler und Kollegen mögen es, in Galerien zu gehen, in Filme. Und die meiste Zeit, wenn ich lese – ich suche mir schon sehr genau aus, was ich lese – habe ich das Gefühl, dass ich meine Zeit mit etwas Gutem verbringe. Es ist fast nie eine Zeitverschwendung. Auch das ist etwas sehr Positives.“

 

Foto von Gareth Jones aus dessen Toilettenbildsammlung

Der nächsten Frage konnte ich einfach nicht widerstehen, als ich gesehen habe, dass du eine großartige Sammlung von Toilettenbildern hast. Wie bist du auf die Idee gekommen, Toiletten zu fotografieren und was für dich ist das Besondere daran?

„Das ist inspiriert von Marcel Duchamp (französisch-US-amerikanischer Maler und Objektkünstler, der 1917 unter einem Künstlernamen ein Urinal mit Namen „Fountain“ als Kunstwerk bei einer Ausstellung einreichte – Anm. d. A.) und vom Dadaismus, diese Bilder, auf denen die Toiletten verkehrt herum erscheinen. Natürlich ist es in erster Linie Spaß. Ich habe auch aufgehört zu sammeln. Ich könnte damit weiter und weiter machen, aber ich denke, es reicht, diese kleine Sammlung zu haben. Es sind Toiletten, die ich ganz normal aufgesucht habe, um sie zu benutzen. Ich hatte auch eine Phase in meinem Leben, in der ich jede fotografiert habe, die ich gesehen habe, weil sie alle gleich sind und doch jede anders.“

Es geht also hauptsächlich um das Verschiedene im Gleichen?

„Ja genau, sie sind im Grunde alle gleich, und doch ist jede total anders. Und im Gedenken an Marcel Duchamp habe ich beschlossen, einige Bilder zu machen.“

Du scheinst ein unermüdlicher Arbeiter zu sein. Es hat nie ein Jahr der Pause gegeben. Sogar in der Zeit, in der du an Krebs erkrankt warst, hast du weiter gearbeitet. Heutzutage siehst du sehr gesund aus. Gibt es etwas Spezielles, das du unternimmst, um deine Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern?

„Eigentlich nur die normalen Dinge. Ich versuche, gesund zu essen, etwas Sport zu treiben und so viel Liebe in meinem Leben zu haben, wie es nur möglich ist. Also nichts wirklich Außergewöhnliches. Meine Frau ist sehr interessiert an Gesundheitsfragen – sie hat ihre eigene Karriere im Musikgeschäft und sie war immer eine Inspiration für mich, insbesondere in Bezug darauf, auf meinen Körper zu achten. Also einfach gesund essen, Sport und genug schlafen. Das ist alles. Wenn wir jung sind, missachten wir diese Dinge oft, denn wenn wir jung sind, haben wir jede Menge Energie, kommen tagelang ohne Schlaf aus und alles ist okay. Aber jetzt versuche ich, ein gesundes Gleichgewicht zu finden.“

Dann beziehst du daraus die Kraft und Inspiration, um so viel zu arbeiten?

„Ich arbeite gar nicht so viel. Ich liebe meine Arbeit, sie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, und ich versuche, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und meinen persönlichen Beziehungen herzustellen.“

Dieses Gleichgewicht ist also deine Inspiration, wenn man so will?

„Ja, kann man so sehen. Dr. Freud sagte, um glücklich im Leben zu sein, muss man zufrieden mit seiner Arbeit sein und zufrieden mit seinen persönlichen Beziehungen. Und wenn man dieses Gleichgewicht gefunden hat, dann kann man ein wundervolles Leben führen.“

Ich denke, dass sich die nächste Frage, ob es jemals eine Zeit oder einen Moment gegeben hat, in dem du gern etwas anderes gemacht hättest, fast schon erübrigt hat.

„Nicht so ganz. Es hat einige Zeit gedauert, um meinen Weg zu finden. Ich habe schon angefangen, Musik aufzunehmen, als ich etwa 16 war, und dann dauerte es eine Weile, bis ich meinen Weg gefunden hatte. Als ich meinen richtigen Platz gefunden hatte und realisierte, dass ich damit eine Karriere aufbauen konnte, dann erst war es wirklich erfüllend. Mit dieser Wahl habe ich mich immer sehr wohlgefühlt. Am Anfang war es definitiv eine Herausforderung, aber es war die richtige Wahl, es fühlt sich richtig an.“

 

Gareth Jones in den Bergen

Was sind deine zukünftigen Pläne?

„Ich habe vor, Bergwandern zu gehen – und natürlich noch einige Produktionen zu realisieren. Ich habe bereits mit verschiedenen Musikern, Plattenfirmen und Managern gesprochen.“

 

Steht denn schon ein Projekt fest?

„Es gibt einige Gespräche, aber das einzige Projekt, das definitiv feststeht, ist das Abmischen des Albums von Young Dreams. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich danach machen werde. Und hoffentlich – wenn ich die Arbeit an dem Album von Young Dreams abgeschlossen habe – werde ich in die Berge, hier in Großbritannien, gehen können, um dort ein paar Tage zu wandern. Das ist etwas, was ich sehr liebe. Das ist mein nächster Plan, nachdem das Young Dreams-Projekt beendet ist. Ich denke, das ist ein sehr guter Plan.“

Weitere Infos zu Gareth Jones gibt es unter garethjones.com.


  1. Teil 1: Gareth Jones - Die menschliche Seite der Plattenproduktion
  2. Teil 2: Verschiedene Produktionsweisen
  3. Teil 3: Unermesslicher Erfahrungsschatz
  4. Teil 4: Junge Talente
  5. Teil 5: Spiritualität und andere wichtige Dinge



Dieser Beitrag wurde am von Lilian veröffentlicht • Kategorie: Interviews • Tags: , , , , , , ,






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