R.Z. Amok – We are Geldgeil! Das Meisterstück (LP)

RZ Amok CoverHallo Freunde! Auf geht’s zu einem lustigen Tanzspiel! Wir machen eine musikalische Weltreise und Sie werden sehen, es macht Spaß. Eine Dame oder ein Herr macht den Anfang und alle andern marschieren hinterher und bilden eine lange Schlange. Und wenn wir viel Leute sind, dann machen wir gleich zwei Schlangen. Und jetzt geht’s los!

Na na na na nanana na na na na nanana Na na na na nanana na na na na nanana! – So fangen doch bitte Punk-Platten an, vor allem dann, wenn sie aus den Tiefen der 80er kommen. Im hier vorliegenden Fall 1985. Ich halte in Händen eine Wiederauflage (oder besser gesagt: eine komplette Neuauflage) der Band „R.Z. Amok“, wiederveröffentlicht auf Victors und Tobias’ Berliner Label „Rotten Totten Records“, die es sich schon seit längerer Zeit zur Aufgabe gemacht haben, Vergessenes oder lang Vergriffenes aus den Weiten des 80er-Jahre-Punkäthers wieder auf hiesige Datenspeicher zurück zu (ver)bannen.

„R.Z. Amok“, das sagt Vielen vielleicht erst einmal wenig. Ich mach’s mal kurz, denn das beiliegende, mehrseitige und reich bebilderte Textheft (Handwerks- und Kopierkunst alter Fanzine-Schule) schlüsselt das bereits etwas detaillierter, so gut es geht, aus der Erinnerung auf: Stellen wir uns 4 nicht-volljährige Menschen vor – weit unter dem Einstiegsalter manch heutiger Punkbands. Wir schreiben das Jahr, na, sagen wir mal, 1983 in der Ortschaft Tostedt in Niedersachsen. Dorfpunks. Nur eben die echten. Ellen, Daniel, Frank und Ralf waren zuvor „Propaganda“ (nicht die bekannten). Dann gab’s Umbesetzungen und Umbenennungen, bis schließlich 1985 in der Besetzung Daniel, Frank, Ralf und (damals neu dabei) Markus unter dem Namen „R.Z. Amok“ ein Tape, ein richtiges Album, fertig wurde und fleißig – ganz selbstermächtigend – weiterkopiert wurde. Parallel gab’s noch ein paar Samplerbeiträge und auch eine EP („Auf Tierfang durch die Welt für unseren Zoo“, 1985) zusammen mit „Blanker Hohn“ und „Die Erben“ (bei denen Rod von „Die Ärzte“ mal aktiv war) sowie Konzerte mit Bands wie „Razzia“ und „Neurotic Arseholes“. Der Rest ist Geschichte bzw. nachzulesen im Textheft der nun neu – als Schallplatte – herausgebrachten „R.Z. Amok“-Veröffentlichungen.

Ralf und wohl Ellen von RZ Amok

Und was ist das nun, so musikalisch und überhaupt? Punk. – der ja nun (wir sprechen von 1985) immer per se politisch war/ist (auweia…ok) und von dem schon „R.Z. Amok“ selbst (nämlich in „Lied des Spottes“) bereits sagen mussten: „Deutscher Punk – schon 10 Jahre tot“. Ich zitier hier auch mal kurz aus dem Textheft, was der Sänger Ralf (heute bei „Tischlerei Lischitzki“ am Gesang) noch ganz allgemein zu den Texten von „R.Z. Amok“ geschrieben hat: „Und die Texte, oh ja, wir waren jung und es waren andere Zeiten. Manches wirkt heute komplett blöd, manches ist immer noch topaktuell, anderes auch peinlich. Aber“ – wie es dann im Booklet weitergeht – „der Wahrheit verpflichtet, ist hier nix vertuscht“. Heißt: es gibt Liner-Notes zu den einzelnen Titeln. Ein Versuch von Ex-Sänger Ralf, die Texte wieder zu (re)kontextualisieren, zu zeigen, wo sie heute auch noch etwas zu sagen haben und wo hingegen dringend Unterscheidungen zu machen sind. Hier mal nur ein Auszug (Liedtext + dazugehöriger Kommentar aus dem Textheft), der sowohl damals wie heute für die Leute hinter dieser Band spricht:

„Texte sagen aus und Texte denunzieren
Texte greifen an, Texte vergessen
Vieles wird gesagt, vieles vergessen
Oberflächlich gesagt oder bewusst verdreht
Pass auf man beeinflußt dich!
Pass auf man bescheißt dich!
Pass auf! Sonst merkst du es nicht!“
(aus: „Texte“)

Das gilt jawohl auch voll für einen Teil der RZ Amok Texte
(aus dem Beiheft-Kommentar zu „Texte“)

Ralf und Frank von RZ Amok

Ralf und Frank von RZ Amok

Würde ich insgesamt heute diese Platte zur Review bekommen, gäbe es jetzt mehrere Möglichkeiten. Ich könnte sagen, dass die Riffs trotz ihrer Direktheit und Einfachheit eine recht unausgelatschte Grundstimmung haben (wenn ich als nicht dabei gewesener Jahrgang 87 mal an 85er-Punk denke) und diese auch recht düster angelegt sind, alles daran aber fernab von so Kategorien wie ‘Düsterpunk’ liegt (danach klang dann eher die Nachfolgeband „dum spiro spero“/„solange ich atme, hoffe ich“, 1986‒87). Ich könnte dann auch noch sagen, dass es hier und da auch mal recht rumpelig ist, recht plakativ (platt kann man eigentlich nicht sagen) und gerade heraus, und dass dies und jenes heute so nicht mehr ginge oder nicht mehr machbar ist, ohne unauthentisch zu wirken etc. etc. (die waren damals nicht mal 18, Mann!). Alles Mist und würde der Sache überhaupt nicht gerecht werden. Wenn ich mir nun Lieder wie „Parteispenden“ anhöre oder „NAherTOd“, das ein Kalter-Krieg-Song ist, aber heute natürlich genauso (wieder oder immer noch) Aktualität besitzt, oder so Lieder wie „Hauskiller“, wo es um Häuserkämpfe geht, oder etwa so zeitlose Stücke wie „Schritte aus dem Nix“, in dem es um nächtliche Verfolgung mit unglücklichem Ausgang und völlig ungeklärter Motivation geht, dann, ja dann, weiß ich, warum hier eine Wieder- bzw. Neuveröffentlichung absolut Sinn und Zweck hat: Sie ist ein Dokument der Zeit, ein Teil (Punk-)Geschichte (und zwar die von unten, nicht das ganze Großerzählungsgedöns) und kann auch trotzdem heute immer noch Relevanz vorweisen.

Für mich als großer Fan von „bröckelN“ und „Tischlerei Lischitzki“ war es natürlich auch spannend den jungen Ralf singen zu hören. Irgendwie klar: was später kam, höre ich natürlich auch irgendwie raus (oder bilde mir das zumindest ein). Sicher ist diese Neuauflage von „R.Z. Amok“ damit aber auch für alle anderen Freund*innen von „Tischlerei Lischitzki“ und so weiter eine wärmste Empfehlung.

Gut also, dass Ralf, im besten Einverständnis mit den anderen Ex-Mitgliedern, sich zum ‘Grabraub’ hat anstiften lassen und das mit Victor und Tobias von Rotten Totten Records aus Berlin alles wieder ausgegraben und neu aufgelegt hat (Katalognummer RTR 042). Der Geruch ist kalt und moderig, klar, aber er könnte realer und ehrlicher (und mitunter eben zeithistorisch aktueller) nicht sein.

Cover der Special Version

Cover der Special Version

Und wer das haben will, sollte sich beeilen. Denn der Zersetzungsprozess schreitet an der frischen Luft bereits rasant voran: Nur 100 Stk. (und einige wenige Spezialanfertigungen mit anderem Cover und beiliegender Zwille, die jetzt schon vergriffen sind) existieren davon überhaupt. Auf der LP zu finden sind alle Titel des ursprünglichen „R.Z. Amok“-Tapes sowie die EP-Versionen einiger Stücke. Das Album-Cover ist mehr oder weniger unverändert zur ursprünglichen Tape-Ausgabe, aber natürlich bleibend bissig und kritisch in seiner Verwurstung des Covers (nicht der ‘Propaganda’-, sondern der ‘Rock-O-Rama’-Version) der finnischen „Appendix“ und ihrer ersten Platte „Ei Raha Oo Mun Valuutta“ (Propaganda, 1982)/“Money is not my currency“ (Rock-O-Rama, 1983). Ein hervorragendes Gesamtpaket also und ein Muss für alle, die punk-technisch Wissenslücken schließen wollen. Alles zu bekommen bei: Rotten Totten Records, HöhNie Records, Kernkrach Schallplatten oder direkt bei Ralf oder im Bauchladen der „Tischlerei Lischitzki“ und ein paar natürlich auch auf Elfenart Records (elfenart.de). Download-Code? Jibt’s nich – damals wie heute. Aber ihr könnt ja mal einfach bei Ralf nachfragen…

Und hier zum Überblick noch eben die Tracklist der LP:
 
 
Seite A

  • Intro
  • Manipulation: Information
  • Parteispenden
  • Tribut
  • NAherTOd
  • Boikottiert
  • Texte
  • Hauskiller
  • Schritte aus dem Nix
  • Bastard
  • Frühstück Ade

 

Seite B

  • Machtmonopol
  • Hass
  • MTU
  • Lied des Spottes
  • Texte (EP-Version)
  • Hauskiller (EP-Version)
  • Machtmonopol (EP-Version)
  • Manipulation: Information (EP-Version)
  • Boikottiert (EP-Version)

 

Label: Rotten Totten Records

 

Und hier findet und bekommt ihr die LP

 

Und da Punk immer noch lebt, bekommt ihr die LP natürlich auch auf Konzerten

  • 27.01. Lüneburg, Anna&Arthur – Tischlerei Lischitzki + Option weg
  • 28.01. Rotenburg, Villa – Tischlerei Lischitzki + Option weg
  • 24.03. Halle, Ludwigsstraße 37 – Tischlerei Lischitzki + Moloch

 



Dieser Beitrag wurde am von Benni veröffentlicht • Kategorie: Tonträger Reviews • Tags:






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