Im Gespräch: Justin Sane von Anti-Flag

Justin Sane von Anti-Flag

Am 17. März 2012 erscheint das neue Anti-Flag Album „The General Strike“. Nicht nur darüber, sondern auch über Politik in den USA und weltweit, die Anfänge von Anti-Flag und weitere spannende Themen durften wir uns mit einem äußerst gut gelaunten Justin Sane – Frontmann von Anti-Flag – unterhalten. Justin war sogar so redefreudig und mitteilungsbedürftig, dass ich es nicht geschafft habe alle meine Fragen loszuwerden.

 

TrueTrash: Lass uns über das neue „Anti-Flag“ Album sprechen, welches hier in Deutschland am 17. März veröffentlicht wird. „The General Strike“ ist schon euer 8. Studioalbum. Ist es da überhaupt noch etwas besonderes ein Album zu veröffentlichen oder ist das business as usual?

Justin: Nun, ich denke „Anti-Flag“ hatten immer Spaß daran neue Musik zu veröffentlichen. Als wir mit „For Blood and Empire“ angefangen haben, haben wir drei Platten in vier Jahren veröffentlicht, was wirklich erstaunlich ist, wenn man genauer darüber nachdenkt. Danach haben wir uns aber eine kleine Pause gegönnt und dieses Album ist das erste seit drei Jahren. Wir sind eine Band die es liebt Musik zu veröffentlichen, die sogar richtig heiß darauf ist, was wir nun aber eine ganze Weile nicht gemacht haben. Deswegen sind wir auch richtig begeistert dieses Album zu veröffentlichen.

TrueTrash: Wie läuft im allgemeinen die Entstehung eines neuen „Anti-Flag“ Albums ab? Sammelt jedes Bandmitglied selbst Ideen? Oder setzt ihr euch zusammen und bastelt als Team an neuen Songs?

Justin: Das ändert sich weißt du, aber ich glaube im Allgemeinen ist es so, also beispielsweise wenn ich einen Song schreibe, dann habe ich meistens eine Idee und schreibe diese auf. Und dann gehe ich ins Studio und zeige sie den anderen Jungs. Manchmal habe ich auch eine Idee für einen Song, weiß aber nicht genau wie sich diese umsetzen lässt. Dann sage ich einfach: „Hey ich habe da diese Idee, dieses Gitarren-Riff und mir gefällt diese Idee, aber ich bin unsicher was ich damit anfangen soll“. Und dann sagen die anderen einfach „Wie wäre es wenn wir dies probieren oder jenes?“ Es ist ein Mix. Und manchmal kommt dann auch Number 2 [Anmerkung: Bassist Chris Barker] und es ist so ziemlich dasselbe. Manchmal hat er den kompletten Song schon „ready to go“ und sagt einfach „hier ist er“ und manchmal dann „mhh, irgendwie habe ich da diesen Song“. Auf dieser Platte waren viel mehr Songs die Number 2 geschrieben hat. Er ist mit vielen Ideen angekommen, aber diese waren noch nicht so konkret wie sie in der Vergangenheit waren. Deswegen haben wir auch zusammen mehr an den Songs gearbeitet, als wir es normalerweise in der Vergangenheit getan haben.

Das neue Anti-Flag Album "The General Strike"

TrueTrash: Lass uns mal über die Musik auf „The General Strike“ sprechen. Unterscheidet sich diese von vorherigen „Anti-Flag“ Alben?

Justin: Es klingt viel besser als das letzte Album. Ja, ebenso wie die vorletzte Platte [lacht]. Ich meine es klingt wirklich sehr natürlich, es klingt so wie sich Anti-Flag live anhören, und das ist es was mir daran gefällt. Heute hat mich schon jemand gefragt, warum wir nicht Produzenten wie Tom Morello eingesetzt haben. Weißt du es macht wirklich Spaß mit Leuten zusammenzuarbeiten und Ideen mit Leuten auszutauschen, die mehr Erfahrung haben als du. Vor allem weil du so viel von ihnen lernen kannst. Aber im Moment fühlt es sich für mich so an, dass wir schon so viel gelernt haben. Wir sind schon richtig gut darin geworden das zu tun was wir tun [lacht]. Wir sind gute Aufnahmetechniker geworden, viele bessere Musiker, viel bessere Sänger, viel bessere Songwriter. Was mir an dieser Platte einfach gut gefällt ist, dass sie all diese Dinge repräsentiert. Ich denke wir waren uns einfach einig darin, was wir wirklich erreichen wollten und wir wussten auch wie wir das umsetzen konnten und wir haben’s einfach getan. Ich denke dieser Hinsicht ist die Platte wirklich frisch und es fühlt sich wirklich real an und denke ich dass es das beste Album ist, das wir vier jemals selbst produziert haben. Und das war die Mehrheit unserer Platten.

TrueTrash: „Anti-Flag“ werden oft als politische Punkband bezeichnet. Auf jeden Fall seid ihr berühmt für eure kritischen Texte. Welche Themen habt ihr auf „The General Strike“ aufgegriffen und warum?

Justin: Wenn wir über mich sprechen, bin ich aktuell in mehrfacher Hinsicht wütender als ich es jemals war. Zum einen wegen des Levels des Polizeimissbrauchs und der Polizeiunterdrückung die ich im letzten Jahr beobachten konnte wie bei „Occupy Wallstreet“, um ein Beispiel zu nennen. Außerdem die Tatsache, dass wir ein Militär in den USA haben, einen militärisch-industriellen Komplex, welcher auch die „Central Intelligence Agency“, die CIA miteinschließt, der mehr Leute in Afgahanistan tötet – viele davon Zivilisten – als es noch unter Bush als Präsident der Fall war. Und wir haben einen der größten Unterschiede zwischen Reich und Arm, die wir jemals hatten.

Darüber bin ich stinksauer und frustriert und das ist kein Understatement. Das klingt zwar schon fast naiv, wie aus dem Mund eines jungen Kindes, aber im Moment hasse ich einfach die verdammten Cops und ich bin verdammt wütend. Ich sehe einen Cop und ich verdrehe meine verdammten Augen, darüber wie sich die Polizei verhält. Wenn es zu Konfrontationen mit Leuten kommt, die bei friedlichen Protesten mitmachen, verhalten sich zumindest Teile der Polizei kriminell. Es gibt Gruppen wie „Anonymous“, die gegen diese Polizisten ankämpfen und die möchte ich dafür wirklich loben, weil es diese Cops verdammt nochmal verdienen. Dazu nehmen sie [Anonymous] die Abzeichen-Nummern der Polizisten aus Internetvideos, in denen Polizisten die Leute brutalisieren oder zusammenschlagen. Und dann versuchen sie so viele Informationen wie möglich über diese Polizisten zu finden und stellen das alles ins Internet. Ich denke, dass das nur die Spitze des Eisberges dessen ist, was diese Polizei eigentlich verdient hätte.

Ich bin es müde zu sehen, wie gute Leute mit Pfefferspray besprüht, zusammengeschlagen, unterdrückt und brutalisiert werden, nur weil sie aufstehen und sich für Gleichheit einsetzen. Die Einstellung vieler dieser Cops ist: „Hey das ist mein Job, das ist mein Leben und ich muss das schützen was ich habe. Und dabei kümmere ich mich nicht darum ob die Dinge für dich gut laufen. Ich bin nur ein Werkzeug und ich schlage die Sch**** aus dir, weil es das ist wozu ich angehalten wurde“. Ich meine du bis aus Deutschland und du weißt was passiert wenn Leute sagen: „Ich bin nur Anweisungen gefolgt“. Das ist keine Entschuldigung! Ich denke das zeigt ein Level von Gehirnwäsche und absoluter Herzlosigkeit. Jeder ist von diesem Handeln der Polizei peinlich berührt und sie [die Polizei] sollten sich selbst schämen. Ich will ja nicht nur auf der Polizei rumreiten, aber ich bin einfach so genervt und frustiert von allem, aber auch optimistisch. Ich habe mich mit Cops unterhalten die sich für das schämen was passiert ist. Gute Polizisten die du anrufst wenn jemand bei dir zu Hause eingebrochen ist und die dich beschützen, die einfach das tun was sie tun sollten.

Ich merke natürlich, dass meine Äußerungen überspitzt sind. Aber mit meinem Frustrationslevel, meiner Wut, ist es schwer nicht so zu fühlen. Deshalb auch diese harten Worte. Wenn ich einen Schritt zurückgehe und ich einen ehrlichen Blick auf die Dinge werfe, kann ich schon sagen, ok das ist nicht so dramatisch. Aber so wie ich mich im Moment fühle, bringt es ziemlich gut auf den Punkt warum wir die Platte gemacht haben, die wir gemacht haben. Es ist eine ärgerliche Platte, aber es gibt ja einen Grund dafür.

TrueTrash: Aber du bist nicht nur von den inländischen Problemen der USA genervt. Ich meine ihr setzt euch weltweit für Probleme ein. Ihr wart zum Beispiel auf mehreren Kontinenten um die „Occupy“ Proteste zu unterstützen.

Justin: Ja, absolut. Ehrlicherweise das war der Fokus von Anti-Flag von Beginn an. Die Occupy Bewegung ist ein weltweites Phänomen. In Amerika ist es sehr effektiv und es ist komplett abgehoben. In Europa war es dahingegen nicht ganz so effektiv. Der Ausgangspunkt für das Problem ist der weltweite Wachstum der Ungleichheit. Die Lücke zwischen reich und arm ist komplett aus dem Gleichgewicht geraten. Die Menschen nehmen es einfach nicht mehr hin, es wurde einfach so absurd, die Leute realisieren dass etwas drastisches geschehen ist. Viele Menschen in Amerika haben Barak Obama gewählt und erwartet, dass er die Antwort wäre. Doch die Zeit verging und sie realisierten, dass Obama doch nicht die Antwort war. Obama hat sich die Leute, die für diesen wirtschaftlichen Zusammenbruch und die größten wirtschaftlichen Fehler in der Geschichte verantwortlich waren genommen – er hat sie genommen und sie eingestellt und sie so ins Weiße Haus gebracht. Die Leute erwarteten, dass Obama sobald er an der Macht wäre, die Dinge richtig stellen würde. Aber das ist nicht passiert. Um also nochmal auf „Occupy Wallstreet“ zu sprechen zu kommen: Es gibt keine Alternativen dazu.

TrueTrash: Lass mich kurz eine Frage zum letzten Anti-Flag Release stellen, den Complete Control Sessions, eine 10“ Vinyl-Platte, auf der ihr einige The Clash Songs gecovert habt. Was war der Hintergrund für die Clash-Cover?

Justin: Die Idee zu Complete Control Session war es, eine Band einzufangen, mit der wir uns zu dieser Zeit viel beschäftigt haben. In der Zeit, in der wir live gespielt haben, haben wir einfach viel The Clash gespielt. Wahrscheinlich ist The Clash unsere Lieblingsband innerhalb der Band. Wir mögen es, deren Songs zu spielen. Es war einfach nichts tiefempfundenes sondern sehr simpel:“Hey, lasst uns doch mal ein paar Clash Sachen aufnehmen!“ Wir wollten Clash Songs für die Leute aufnehmen. Wir hatten eine gute Zeit.

TrueTrash: Im April kommt ihr nach Deutschland und spielt einige Club-Gigs. Warum? Ich meine ihr habt schon große Shows wie Festivals gespielt. Macht es mehr Spaß kleinere Konzerte zu spielen?

Justin: Es ist wirklich mehr Spaß kleine Shows zu spielen. Wenn man große Festivals spielt, ist das auch großartig, aber etwas sehr unterschiedliches. Du spielst vor vielen Leuten die deine Band zuvor vielleicht, vielleicht aber auch nicht gehört haben. Du spielst ein anderes Set auf einer kleineren Show. Die Interaktion mit dem Publikum ist sehr persönlich. Die Menschen stehen vor dir, schwitzen, lachen, singen mit dir. Du verlierst dein Plektron, sie heben es dir auf und geben es dir zurück. Das ist klasse! Wir schauen uns gegenseitig an und fangen daraufhin an zu lachen. Dieses Zusammenspiel kann ein Festival nicht toppen, auf dem man meterweit vom Publikum entfernt steht. Nach einem Clubkonzert schüttelt man den Leuten die Hände, redet mit ihnen. Vielleicht möchten sie dir eine Geschichte erzählen, die mit einem Thema aus einem Song zusammenhängen. Oder sie haben ein Tattoo das sie dir zeigen wollen. Was ich damit sagen will ist, dass jeder eine gute Zeit hat, schwitzt und dreckig ist. Alle sind aufgeregt, zusammen zu sein. Wir bekommen viele Tourangebote, viele Festivalangebote. Wir möchten vor allem für unsere Fans, die uns immer begleiten und unsere Band einfach lieben, etwas Besonderes machen. Im Anschluss daran werden wir dann auf größeren Festivals spielen. Es ist einfach eine Chance, sich mit den Leuten zu verbinden auf einem besonderen Weg, bevor wir zu den Festivals übergehen, da die Beziehung einfach eine andere ist.

TrueTrash: Ich hätte eine bisschen persönlichere Frage: So viel ich weiß bist du Veganer. Ist es da nicht schwer, passendes veganes Essen auf Tour zu finden? Oder habt ihr ein spezielles Catering?

Justin: Bei Anti-Flag gibt es nur einen Veganer – unseren Drummer Pat – er ist der einzige Veganer. Der Rest von uns ist vegetarisch.

TrueTrash: Ok, dann habe ich das irgendwie falsch verstanden.

Justin: Das geht schon in Ordnung. Es ist heutzutage nicht mehr so schwer. Als wir vor 10 Jahren auf Tour gegangen sind, war es wirklich hart Vegetarier zu sein. Da gab es keine Auswahl an Mahlzeiten da draussen. Heutzutage ist es viel leichter. Fast jeder Lebensmittelladen hat einige Optionen für Leute die Wert auf Ernährung legen oder Wert auf ihre eigene Gesundheit legen. Es ist wirklich nicht mehr so hart, wie es einmal war. Und wenn wir von Ort zu Ort reisen, bekommen wir durch die Leute, die uns dort promoten, auch das Essen angeboten. Das macht es um einiges leichter.

TrueTrash: Lass uns kurz auf die Anfänge von „Anti-Flag“ zurückkommen. Hattest du schon immer geplant der Sänger eine Punkrock-Band zu werden? Hattest du einen Alternativplan? Was mich insbesondere interessieren würde ist, ob du nicht Existenzängste hattest, also du mit Anti-Flag angefangen hast.

Justin: Ja, weißt du, darüber habe ich vorhin schonmal nachgedacht. Ich habe zu einem gesagt: „Hättest du mir vor 15 Jahre gesagt, dass ich Anti-Flag machen würde, wäre ich nicht sicher gewesen, ob ich dir geglaubt hätte.“ Aber dann habe ich über die Sache nochmal nachgedacht – und dieses Statement ist wirklich absolut falsch. Ich habe schon immer daran geglaubt in einer Punkrock-Band zu singen. Ich habe immer an Anti-Flag geglaubt und daran, dass Anti-Flag einmal zu dem wird, was es jetzt ist. Wenn ich jetzt so zurückblicke, mache ich genau das, was ich machen wollte. Ich habe immer total an diese Band geglaubt. Sogar als wir unsere ersten Shows gespielt haben und unsere erste 7“ herausgebracht haben, die wirklich schrecklich ist. Ich hatte immer diesen naiven Glauben. Und wenn ich heutzutage daran zurückdenke, ist es unglaublich dass ich so daran geglaubt habe, weil wir wirklich entsetzlich waren – die ganze Band. Aber ich habe einfach daran geglaubt und mich daran festgehalten. Ich bin wirklich stolz auf die Band.

TrueTrash: Ich denke wir müssen langsam zu einem Ende kommen, auch wenn ich mich noch stundenlang mit dir unterhalten könnte. Also eine letzte Frage: Ein kurzer Ausblick in die Zukunft. Was sind deine Pläne für die Zeit nach der Veröffentlichung von „The General Strike“ und der Tour? Gibt es vielleicht ein neues Justin Sane Soloalbum?

Justin: Ich sage immer, dass ich eine Soloplatte mache, aber es klappt nie. Ich würde es wirklich lieben eine Soloplatte machen, wenn es meine Zeit zulässt. Ich denke aber die Wahrscheinlichkeit einer Soloplatte im Moment größer ist als sie jemals zuvor war. Ich habe einen kleinen Solo-Run in Deutschland gemacht und es war traumhaft und hat so viel Spaß gemacht. Jede Show war wirklich einzigartig. Das wäre wirklich etwas, was ich gerne machen würde. Ich muss einfach weiter daran arbeiten. Aber die Chancen für ein Soloalbum sind sehr hoch.

TrueTrash: Vielen, vielen Dank für das das Interview und viel Erfolg mit dem neuen Album!

Justin: Vielen Dank, es war großartig sich mit dir zu unterhalten.

 

Das Interview wurde geführt von: Fabian

 



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