Lügen – Demo (Tape)

Mal eine längere Review. Weil das so kann und soll.

Es ist relativ offen, ob es sich bei dieser hier vor mir liegenden ersten Veröffentlichung der Band „Lügen“ aus Dortmund um ein Demo-Tape handelt oder um ein Mini-Tape mit dem Titel „Demo“. Beides wäre möglich. Entgegen oftmals weit verbreiteter Auffassung, Demo-Tapes hätten doch irgendwie immer den Anstrich der Vorläufigkeit und seien eine Art Würfelergebnis, fördern „Lügen“ da (wie sicher viele andere Bands neben ihnen auch) einen ganz anderen Eindruck: die 4 Songs bieten einen sehr soliden Sound, der nach vorne geht und alles daran ist bis in jede Faser gewollt. Sperrig ist es natürlich einfach durch den vielfachen Wechsel von mal mehr gesungenen und mal mehr gesprochenen Passagen und der sehr dezentralen und queren Art und Weise des Gitarrenspiels. Aber das ist keinesfalls anstrengend, sondern eher antreibend. Den teilweise untergehenden bis verschwimmenden zweiten und dritten Gesang, der in Reviews zuvor mal moniert wurde, kann ich so nicht bestätigen. Pluralität von Stimmen über- und nebeneinander erzeugt diesen Effekt eben und ich bilde mir gern ein, dass das hier genau so auch Teil der Absicht gewesen ist. Habt ihr das mal auf Tape gehört? Im Übrigen liegen die Texte in einem selbstgemachten Textheftchen bei. Kann mensch also alles nach- und mitlesen.

Damit kommen wir auch schon zum Inhaltlichen bzw. zu dem, was ich bei diesem Tape von „Lügen“ mal als Programmatik bezeichnen würde. Das fängt schon beim Cover an: Eine allem Anschein nach leer stehende Villa in schemenhafter Skizze. „Bullerbü ist abgebrannt“, indeed! Da fügt sich natürlich auch gut, dass das Ganze beim ebenfalls in Dortmund ansässigen Upcycling-Label “Tanz auf Ruinen” (tanzaufruinen.de) erschienen ist (Da solltet ihr ebenfalls mal reinschauen. Die machen auch viele andere tolle Dinge). Alle 4 Songs eint das Thematisieren von Andersartigkeit, dem was nicht nur zwischen A und B liegt und dem was über traditionelle Schemata menschlicher (Selbst- und Fremd-)Identifizierungen hinausgeht. Sicher, Themen um Andersartigkeit(en) haben momentan aus vielerlei Gründen Konjunktur und werden in vielfacher Weise auch kontrovers diskutiert. Dazu reicht ein Blick in die hiesige Landschaft von Fanzines, in denen die Band „Lügen“ bisher allerdings erst wenig wahrgenommen geworden ist. „Lügen“ schreiben und texten in sehr erfrischender Weise über das, was sie sagen wollen. Leute, die aus den verschiedenartigsten Gründen die eine oder andere Debatte vielleicht mittlerweile Leid sind zu führen und auch aus grundlegend verschiedener Perspektive auf Andersartigkeiten blicken oder damit zu tun haben, können sich hier von „Lügen“ auf die eine oder andere Art und Weise abgeholt wissen. Scheint mir zumindest so. Falsch wäre allerdings, zu glauben, auf „Lügen“ könnten sich im Umkehrschluss alle einigen. Darum geht’s der Band einfach nicht. Es ist eben gerade nicht „die Optimierung aller Dinge“ ein wünschenswertes Ziel. „Es geht um das Recht anders sein zu dürfen – bis zur letzten Konsequenz.“ Und auch darum melancholisch sein zu können und dass nicht jede Zelle im Körper glücklich sein kann oder sollte, wenn das Drumherum das einfach nicht hergibt (siehe nur 2016 als nur ein Jahr von vielen vergangenen und kommenden). Das Reklamieren von Glück ist hier wieder mal als Selbstbetrug entlarvt. Alles andere wäre ja auch gegen das eigene Ich. Die Chancen stehen nun aber dennoch hoch, dass Du (ja, genau Du!) gerade mal nichts damit anfangen kannst. Und zwar irgendwie auch zu Recht! Denn Widersprüche sind oftmals nur schwer auszuhalten. Es nützt nichts: ihr müsst da wohl einfach mal reinhören.

Ausgangspunkt jedenfalls aller 4 Lieder ist immer wieder die Prägung in Kindheit und Jugend und was dann später daraus werden könnte. Daraus speist sich für meine Begriffe auch die Relevanz solcherlei Musik, wie „Lügen“ und andere sie machen, für vielerlei verschiedene HörerInnen. Dabei ist es egal, ob Du z.B. auf Grundlage der Texte zufällig auf ähnliche Weise über deine Kindheit und/oder Adoleszenz reflektieren kannst oder das etwa gerade tust, weil Du dich jetzt selbst in der Rolle befindest, die andere zuvor in Bezug auf dich eingenommen haben. Dich in deiner prägende Rolle, in deinem prägenden Einfluss auf andere (sollten wir es nicht auch Macht nennen?) hier zu durchschauen, ist nur ein Teilaspekt um den die Gedanken beim Hören der Musik von „Lügen“ sich immer wieder drehen. Aber Passagen wie z.B. „Die Schafe zum letzten mal geschoren / und dann zum Schlachten abtransportiert / aber du brauchst nicht zu weinen / denn so machen wir die Welt für dich, wie sie uns gefällt / so machen wir die Welt für dich (mein Kind), wie sie uns gefällt“ in „Bullerbü ist abgebrannt“ lassen sich auch als Thematisierung unseres vielfach kritisch diskutierten (un)’ethischen’ Konsums verstehen (siehe dazu etwa den 2teiligen Artikel im Trust Zine #177 und #178). Es muss kaum eigens betont werden, wie gut das hier bei „Lügen“ mit der teilweise im Vordergrund stehenden ‘Kinder- und Jugendtage’-Programmatik des Tapes umgesetzt ist.

Aber nicht nur das. Er geht grundsätzlich um das Zwischenmenschliche und um die (ja, nicht selten negativen) Effekte, die Begegnungen zwischen Menschen so im Laufe eines Lebens haben können (aber natürlich nicht müssen). Erkennen und Handeln geht der Band dabei vor Definieren und Breit-Diskutieren. Die Devise heißt: Nicht predigen und nicht mehr Erklären („die einfachste Gleichung – nicht diskutieren, nur verstehen, stolpern, begreifen und sehen“). In dem, was die Texte analysieren, richten sie sich gerade nicht (etwa ausschließlich und einhegend) an festdefinierbare Subkulturen, Gruppen, oder Individuen, sondern schlichtweg und schonungslos an Alle. Das so prinzipiell. (Genre)-Labelungen sind für die, die das brauchen. Das macht diese gesamte Geschichte dann aber auch definitiv zu Punk, denn es ist natürlich unangenehm und fordert ohne Kompromisse auf, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir mit Andersartigkeit und Pluralität in all ihren Facetten und Möglichkeiten umgehen wollen und müssen. Egal welchen Lebensentwurf Du für dich auch immer gewählt hast, die Musik und die Texte von „Lügen“ können spannend für dich sein, weil die Band immer wieder um die Frage kreist, wie wir denn eigentlich zu dem werden, was wir im Augenblick sind und wie wir jetzt handeln können. Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich das bei „Lügen“ in absehbarer Zeit mal auf LP-Länge verhalten wird (Die Band arbeitet dran, wie ich mir habe sagen lassen). Und: Was vieler Orten immer als „Peinlichkeit“ verschrien ist, sucht man (ja, in diesem Fall gerne mal nur ‘man’) bei „Lügen“ vergeblich:

„Ich hab mich vor euch auf den Boden geworfen,
geweint, gebettelt, gefleht
Ich hab euch umarmt und geküsst
Eure Häuser bemalt, mit Fäusten gedroht
Soviel Wut an euch verschwendet
Doch das hat überhaupt nichts genützt“
(aus: „außen:innen“)

Wer z.B. auch was mit Bands wie „Kasablanka“ anfangen kann, wird auch an „Lügen“ sicher Gefallen finden. Bei mir war’s jedenfalls so. Seit Release des Tapes (bereits im Juni 2016 auf Tanz auf Ruinen), das im Übrigen nur in einer charmanten Auflage von 100 Stk. existiert, waren „Lügen“ dann auch vermehrt auf Tour. Auf der Bandcampseite (luegenpunx.bandcamp.com) werden die Konzertdaten regelmäßig bekannt gegeben und aktualisiert. Ich habe die Band am 03.01.2017 im Fischladen in Berlin gesehen. Was manche Bands in 45min. sagen müssen, passt bei „Lügen“ in 20-30 Minuten. Kurz, energiegeladen und auf den Punkt. Geht mehr auf Konzerte! Am besten mal zu „Lügen“. Da könnt ihr dann auch gleich das Tape für schlanke 5,- mitnehmen.

Die nächsten Konzerte finden hier statt:

  • 03.02. Bonn, LIZ
  • 04.02. Siegen, Kultkaff (+ Static Means)
  • 17.02. Leipzig, Atari
  • 18.02. Halle, Reil 78 (+ Deutsche Laichen)
  • 16.03. Dortmund, FZW, Bierschinken Festival
  • 17.03. AZ Mülheim (+ KŸHL, Postford, Work/Life Balance, Gloom Sleeper)
  • 18.04. Köln

 
Bandseiten + Kontakt: luegenpunx.bandcamp.com; luegenpunx.blogsport.eu
Label + Distro: Tanz auf Ruinen (tanzaufruinen.de)
 



Dieser Beitrag wurde am von Benni veröffentlicht • Kategorie: Tonträger Reviews • Tags:






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